
Nachdem sein Zwillingsbruder Peregrinus sich einige Jahre zuvor bereits seiner panischen Höhenangst beim Besteigen des Säntis gestellt hatte, war in diesem Jahr die Zeit auch für Vergil gekommen.
Wir hatten zum Glück wunderbare Voraussetzungen, das Wetter stimmte, die Stimmung war hervorragend und Vergil konnte sich vertrauensvoll auf die Menschen verlassen, die ihn bei dieser schwierigen Herausforderung begleitet haben. Alle Beteiligten waren natürlich informiert darüber, dass Vergil selbst beim Anblick einer Trittleiter angst und bange wurde – Vergils Betreuerin wurde deshalb von Akron vorab genauestens instruiert, wie sie mit der Situation umgehen soll und wie sie Vergil am besten unterstützt und begleitet.
Da die Höhenangst Vergil im Alltag nicht sonderlich behindert (er hängt ja nicht jeden Tag Vorhänge auf), könnte man sich an dieser Stelle erstmal fragen – warum will Vergil sich dieser panischen Angst überhaupt stellen bzw. warum sollte man sich allgemein seinen Ängsten stellen?
Angst ist ein Gefühl, welches durchaus eine Berechtigung hat, wenn man einer realen Bedrohung für Körper oder Geist ausgesetzt wird. In Vergils Fall hat sich die Angst jedoch abgespalten und verselbstständigt und übernimmt die Herrschaft selbst dann, wenn keine direkte Bedrohung vorliegt (Trittleiter) – die Angst wird zu einem Dämon, der von Vergil in diesem Moment nicht ohne Unterstützung anzugehen ist.
An Angst sind Energien gebunden. Wenn man die Angst überwindet, sind diese Energien wieder frei und man kann sie zum Beispiel für kreative Schöpfungsprozesse nutzen. Man kann sich das bildlich in Form einer Armee vorstellen, die dann nicht mehr an den „Heerführer Angst“ gebunden ist, sondern wieder an den wichtigen Schauplätzen im Leben zur Verfügung stehen – zum Beispiel in der Selbstverwirklichung oder persönlichen Entwicklung.
Nun kann man das auf einer Verstandesebene zwar alles wissen und erkennen. Sich dem Bergmassiv dann zu stellen und an einem Seil festhaltend am Abgrund entlang zu laufen, ist für einen Menschen mit Höhenangst trotz aller Erkenntnis eine sehr adrenalinlastige Aufgabe. Oder um es kurz zu sagen, es reicht manchmal nicht aus, den Weg nur zu kennen, man muss ihn oftmals auch gehen.
Das erste Stück des Weges war in der Hinsicht noch zum Aufwärmen, weil es links und rechts noch nicht senkrecht hinunterging und in Vergils Kopf er dann noch genügend Schrägen entlangkullern könnte und er sich da irgendwo hätte festhalten können. Trotzdem wurden ihm einige Male bereits die Knie weich und die ersten Angstschübe kündigten sich bereits an. Seine Begleiterin war aber immer in der Nähe und konnte ihm die Sicherheit vermitteln, die er in diesem Moment brauchte. Auch für genügend Ablenkung wurde gesorgt, aber nicht so, dass es Vergil überfordert hätte.
Vergils Partnerin Camenae musste bereits am Anfang feststellen, dass sie ihn nicht in dieser Form unterstützen konnte wie seine Begleiterin Steffi. Da Vergil sich seiner Partnerin nicht in seiner „Schwäche“ zeigen wollte, hat er sie nicht an sich heran gelassen. Das ist aber, wie später besprochen wurde, ein bekanntes Phänomen. Es war für beide in dem Moment nicht einfach zu verstehen, warum und was hier genau passiert – aber instinktiv wusste Camenae, dass es jetzt und hier auf dem Berg nur wichtig war, dass Vergil eine gute Begleitung hat, die ihn über den Berg bringt.
Bald schon kam Vergil an einen Abschnitt wo er sich zitternd und auf allen Vieren nur Meter für Meter vorwärts bewegen konnte. Beim Anblick einer in Stein gemeisselten Treppe, die senkrecht nach oben führte, links und rechts nur durch ein Seil gesichert, setzte er sich wie ein trotzendes Kind auf den Boden und verweigerte strikt jedes Weitergehen.
Geschickt handelte Steffi die nächsten Meter aus – noch 2 Meter, dann musst Du nicht mehr weiter, dann kannst Du da eine Rauchen und wir gehen zurück. 2 Meter später lebte Vergil immer noch. Die ersten Tränen bahnten sich einen Weg, gleichzeitig packte ihn der Ehrgeiz. Deal für Deal, Meter für Meter kamen sie vorwärts. Auch wenn es oft problematisch war, anderen Menschen auf dem Grat auszuweichen und auch wenn viele Pausen notwendig waren, um die Kraft wieder zu sammeln, Vergil fragte immer wieder, wie weit es noch war und drängte vorwärts, bis er aufrecht stehend am ausgemachten Zielpunkt stand. Der Rückweg ist nicht mehr so schlimm, versprach ihm Steffi. Und tatsächlich, mindestens viermal so schnell und viel sicherer kamen sie beinahe schon entspannt bei der Bergstation an. Geschafft! Endlich fiel die Anspannung von Vergil ab und er strahlte befreit wie ein Honigkuchenpferd vor sich hin.
Hier versuchte es seine Freundin Camenae nochmals, jetzt wo es noch frisch ist, komm, lass uns hier am gesicherten Abgrund nur sitzen und die Beine in die Tiefe baumeln lassen, dann kann sich das Gefühl festigen. Früher ein Ding der Unmöglichkeit für Vergil, sich am Abgrund zu Entspannen, jetzt war es möglich.
Langsam war es Zeit an die Rückfahrt mit der Gondel zu denken. Camenae durchwühlte ihre Tasche zum x-ten Mal, doch es war tatsächlich so, sie hatte ihr Ticket für die Gondel verloren. Zudem standen schon Massen von Menschen bei der Gondel an, nicht daran zu denken, jetzt an den Schalter zu kommen. Akron nutzte sofort diese Gelegenheit und sah darin ein Zeichen der Kraft, einen Abstieg zur Mittelstation vorzuschlagen. Vergil erstaunte alle nochmals, indem er sich selber freiwillig sofort bereit erklärte, ohne eigentlich zu wissen, worauf er sich da einlässt. Dieses Stück erwies sich in vielerlei Hinsicht als noch viel härter und anstrengender – trotzdem knickte Vergil kein einziges Mal mehr ein in der Energie und konnte sich sogar gegenüber seiner Partnerin öffnen.
Einige Tage später kam eine e-mail mit Foto bei Akron ins Postfach geflattert:
Wir haben gerade den Eschenberg-Turm in Winterthur bestiegen!
Danke Akron, Danke Steffi! Vergil und Camenae haben sich vorgenommen, ab Frühling gemeinsam wandern zu gehen, neben einfachen Touren auch einige schwierigere Touren mit dem einen oder anderen gesunden Adrenalinschub für Vergil.
